Das Ende des Friedens

Herr Aichner, am Ende der ursprünglichen Trilogie schien die Bestatterin Brünhilde Blum endlich ihren Frieden gefunden zu haben. Was hat Sie dazu bewogen, zehn Jahre später in «Die Rückkehr» dieses scheinbare Happy End aufzubrechen und Blum erneut in einen Abgrund zu stürzen?

Die Entscheidung, Blum noch einmal zurückzuholen, hatte viel mit der NETFLIX-Verfilmung der «Totenfrau» zu tun. Durch den Dreh und die intensive Auseinandersetzung mit dem Stoff war ich dieser Figur über Jahre hinweg wieder sehr nah. Vor allem die Arbeit mit Anna Maria Mühe, die Blum mit einer unglaublichen Kraft und Verletzlichkeit verkörpert hat, hat in mir den Wunsch geweckt, ihre Geschichte weiterzuerzählen.

Gleichzeitig hat mich die Resonanz auf die Serie und die Bücher sehr berührt. Das Feedback kam nicht nur aus dem deutschsprachigen Raum, sondern plötzlich auch international – in dieser Phase habe ich gemerkt, dass Blum für mich noch nicht auserzählt ist.

Mich hat interessiert, was nach einem vermeintlichen Happy End passiert. Ob es so etwas wie Frieden für eine Figur wie Blum überhaupt geben kann. Und genau aus dieser Frage heraus entstand «Die Rückkehr»

 

Die Geister der eigenen Vergangenheit

In den ersten drei Bänden war Blum oft die Jägerin, angetrieben von Rache für erlittenes Unrecht. Im neuen Roman holt sie nun unerwartet ein Trauma aus ihrer eigenen, grausamen Kindheit ein. Warum war es für die logische Weiterentwicklung der Figur unvermeidlich, dass Blum sich der dunkelsten Zeit ihres eigenen Lebens stellen muss?

Für mich war relativ früh klar, dass ich Blum an einen Punkt führen muss, an dem sie nicht mehr nur nach außen agiert, sondern nach innen schauen muss. In den ersten drei Büchern war sie eine Getriebene, jemand, der auf erlittenes Unrecht reagiert. Aber die entscheidende Frage war für mich: Was liegt eigentlich unter all dem? Was passiert, wenn die äußeren Feinde verschwinden, die inneren Dämonen aber nicht zur Ruhe kommen?

Die Antworten liegen in Blums Kindheit, in den frühen Verletzungen, die nie aufgearbeitet wurden. Es geht um Traumata, die einen Menschen prägen, ohne dass er sich ihnen bewusst stellt. Diese Dinge verschwinden nicht einfach. Sie wirken weiter, im Verborgenen, und bestimmen Entscheidungen, Impulse, Lebenswege. Und irgendwann kommt der Moment, in dem man sich entscheiden muss: Schaue ich hin oder laufe ich weiter davon?

Bei Blum gibt es kein Ausweichen mehr. Etwas, das sie lange verdrängt oder vielleicht sogar vergessen hat, kehrt mit voller Wucht zurück. Sie muss sich nicht nur dieser Vergangenheit stellen, sondern auch der Verantwortung für das, was sie selbst getan hat.

 

Kampf gegen ein neues Kaliber von Gegnern

Scheinbar durch einen dummen Zufall verstrickt sich Blum in diesem Band in die Machenschaften von Gegnern, die durch enormen Reichtum und absoluten Einfluss über völlig andere Ressourcen verfügen als sie. Wie verändert dieser ungleiche Kampf – David gegen Goliath – die Spannung und das erzählerische Tempo im Vergleich zu den ersten Bänden?

In diesem Band ist Blum eigentlich an einem Punkt, an dem sie nichts mehr will als Ruhe. Sie will Frieden, ein Leben ohne Gewalt. Aber genau das wird ihr verwehrt. Durch eine Verkettung von Ereignissen gerät sie in Bedrängnis. Blum agiert nicht mehr aus einer Position der Stärke oder Kontrolle heraus, sondern versucht vor allem, den Schaden zu begrenzen und irgendwie heil aus der Situation herauszukommen. Sie will nicht töten – aber sie muss. 

Erzählerisch beginnt die Geschichte vergleichsweise ruhig, fast trügerisch. Aber dann zieht sich die Schlinge immer enger. Blum verliert Schritt für Schritt die Kontrolle, und daraus entsteht dieser Sog, der mir beim Schreiben besonders wichtig ist.

Ich möchte, dass die Leserinnen und Leser das Gefühl haben, genauso wenig entkommen zu können wie Blum selbst. Dass sie emotional hineingezogen werden, dass sich die Spannung nicht nur aus der Handlung speist, sondern aus einem permanenten inneren Druck. Es geht mir um Intensität, um das Erleben von Angst, Ausweglosigkeit und existenzieller Bedrohung.

 

Der unausweichliche Kreislauf der Gewalt

Ein Kernthema der gesamten Reihe ist Blums moralische Überzeugung, jede noch so brutale Gewalttat rechtfertigen zu können, solange sie ihre Familie beschützt. Wie schwer ist es für eine Figur wie Blum zu akzeptieren, dass genau dieser Beschützerinstinkt sie und ihre Liebsten immer wieder in neue, tödliche Spiralen der Gewalt reißt?

Das Spannende an Blum ist genau dieser Widerspruch: Sie ist eine liebende Mutter, die alles für ihre Kinder tun würde – und gleichzeitig eine Frau, die bereit ist, dafür extreme Gewalt auszuüben. Ihr Handeln ist immer von Liebe getrieben, von dem Wunsch zu schützen. Aber genau dieser Impuls ist es auch, der sie und ihre Familie immer tiefer in eine Spirale der Gewalt hineinzieht.

Für mich liegt darin auch eine große Verführung für die Leserinnen und Leser. Man ertappt sich dabei, einer Mörderin die Daumen zu drücken, ihre Entscheidungen zu verstehen oder sogar zu rechtfertigen. Und genau das interessiert mich: diese moralische Grenzerfahrung. Wie weit gehen wir emotional mit? Ab wann kippt Empathie in Unbehagen?

Blum weiß durchaus, dass das, was sie tut, falsch ist. Aber sie ist keine Figur, die rational abwägt. Sie handelt aus dem Bauch heraus, aus Liebe, aus Schmerz, aus Verlust. Sie kann gar nicht anders, als so zu handeln. Und genau darin liegt die Tragik: Ihr stärkster Antrieb ist gleichzeitig das, was sie immer wieder in diese tödlichen Kreisläufe zurückwirft.

 

 

Die heranwachsende Generation

Ein sehr spannender Aspekt in «Die Rückkehr» ist das Älterwerden von Blums Töchtern, insbesondere von Nela, die beginnt, bohrende Fragen zu stellen. Inwiefern verändert es die Dynamik des Thrillers, wenn die Bedrohung für Blums familiäre Fassade plötzlich nicht mehr nur von außen kommt, sondern in Form der eigenen Kinder von innen?

Mit dem Älterwerden der Kinder verschiebt sich die Dynamik ganz grundlegend. Solange sie klein sind, kann Blum ihre Welt noch kontrollieren, Dinge verbergen. Aber in dem Moment, in dem Nela beginnt, Fragen zu stellen, bricht dieses fragile Konstrukt auf.

Nela erkennt, wer ihre Mutter wirklich ist, und sie verurteilt sie dafür. Sie muss damit leben, dass ihre Mutter eine Serienmörderin ist, und das erschüttert ihr gesamtes Weltbild. Diese Abwendung ihrer Tochter ist für Blum fast schwerer zu ertragen als jede äußere Gefahr.

Gleichzeitig war es mir wichtig, Nela nicht nur als Gegenpol zu erzählen, sondern als eigene, sich entwickelnde Figur. Im Laufe der Geschichte gerät auch sie in Situationen, in denen moralische Grenzen verschwimmen. Sie beginnt zu begreifen, dass die Welt nicht so eindeutig ist, wie sie es sich gewünscht hat.

Dadurch entsteht eine Art Spiegelung: Mutter und Tochter stehen sich gegenüber, mit völlig unterschiedlichen moralischen Ausgangspunkten, und doch nähern sie sich auf eine verstörende Weise an. Genau das erhöht die emotionale Intensität enorm, weil es nicht mehr nur um äußere Spannung geht, sondern um die Frage, was wir von unseren Eltern übernehmen – und was wir vielleicht nie werden abschütteln können.

 

Die andauernde Faszination des Bösen

Blums Taten – vom Morden bis hin zum Zerstückeln von Leichen – sprengen jede gesetzliche und moralische Grenze, und doch fiebert das Publikum auch im vierten Band unweigerlich mit ihr mit. Was ist in Ihren Augen das Geheimnis hinter Blums Figur, das die Leserschaft zwingt, ihre eigene Moral auszublenden und einer Serienmörderin die Treue zu halten?

Das Geheimnis liegt darin, dass Blum uns näher ist, als wir vielleicht zugeben wollen. Ich erzähle bewusst Geschichten, in die jeder von uns sich auch verstricken könnte.  Ich bin überzeugt davon, dass wir alle zu einem Mord fähig wären. Unter bestimmten Umständen, in extremen Situationen kann sich bei uns allen der Schalter im Kopf umlegen. Wir alle kennen Gedanken von Wut, von Rache, die meisten von uns setzen aber diese Impulse nicht in die Tat um. Blum hingegen tut genau das, sie handelt stellvertretend. Und dadurch entsteht diese verstörende Form der Identifikation.

Gleichzeitig geht es mir nie darum, Gewalt zu zelebrieren. Im Gegenteil: Gewalt ist bei mir immer der letzte Ausweg. Auch im neuen Roman versucht Blum, genau das zu vermeiden. Sie will nicht mehr töten, sie hält sich zurück, sie sucht andere Wege. Aber am Ende gerät sie wieder in eine Situation, in der sie keine Wahl mehr hat.

Diese Spannung – zwischen moralischem Bewusstsein und existenzieller Notwendigkeit – zwingt die Leserinnen und Leser, ihre eigene Haltung zu hinterfragen. Man bleibt an Blums Seite, obwohl man genau weiß, dass es falsch ist, was sie tut. Und genau das liebe ich. 

 

Der Sound des Bösen

Ihr Schreibstil ist sehr szenisch, dicht, teilweise schon poetisch. Wenn man Ihre Romane in Händen hält, hört man schnell den speziellen Aichner-Sound. Wie ist es dazu gekommen?

Ich schreibe aus dem Bauch heraus. Höre die Sätze in meinem Kopf, bevor ich sie zu Papier bringe, und folge einem Rhythmus, der sich beim Schreiben ganz von selbst einstellt. Ein Satz zieht den nächsten nach sich, das Tempo nimmt zu, dann wieder ab, und irgendwann entsteht eine ganz eigene Tonalität. Ich arbeite lange am Klang, an dieser Mischung aus Tempo, visueller Dichte und emotionaler Tiefe. Ich reduziere, bis nur das Nötige stehen bleibt, und versuche, dass die Sätze mehr sind als bloße Information. Im besten Fall haben sie Seele, sie berühren, ziehen Leserinnen und Leser in einen Sog, der sie an Orte führt, an die sie vielleicht sonst nicht gehen würden – in die Dunkelheit hinein.