Bernhard Aichner

Bernhard Aichner (1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet, zuletzt mit dem Burgdorfer Krimipreis 2014dem Crime Colgne Award 2015 und dem Friedrich Glauser Preis 2017.

Seine Totenfrau-Thriller standen monatelang an der Spitze der den Bestsellerlisten. Die Romane wurden in 16 Länder verkauft, u.a. auch nach USA und England. Eine US-Verfilmung ist in Vorbereitung. 

 

"In Blitzlichtsatzgewittern" - Ein Potrait von Elmar Krekeler, Welt am Sonntag


 
Interview auf LITLOUNGE- ein Gespräch mit Günter Keil
 
 

Könnte ich einen Mord begehen?
Bernhard Aichner beantwortet diese und andere Fragen...


Deine Lieblingsfigur in der "Totenfrau"?

Ich liebe meine Blum. Eine liebenswerte Mörderin, eine beherzte Mutter, eine Frau, die aus dem Bauch heraus handelt, leidenschaftlich ist. Ich habe beim Schreiben mit ihr mitgelitten, habe sie bedauert, sie angefeuert. Und ich habe mir die Frage gestellt, was ich tun würde, wenn man mir das Liebste nehmen würde. Was muss passieren, dass sich der Schalter in meinem Kopf umlegt? Könnte ich einen Mord begehen? Diese Frage trieb mich an. Und diese Frage hat Blum auf gewisse Weise für mich beantwortet.

Ist Rache süß?

Unbedingt. Es gibt doch da diese Geschichte von Edmond Dantes. Der Graf von Monte Christo, ich habe dieses Buch als Kind gelesen und war begeistert von dieser  Rachegeschichte, von dieser Liebe, die Edmond Dantes genommen wird. Man betrügt ihn, stiehlt ihm sein Leben, sperrt ihn ein, nimmt ihm alles, was er hat. Meiner Heldin geht es ebenso. Nach einer schrecklichen Kindheit, verliert sie auch noch die Liebe, die sie gefunden hat. Alles zerbricht. Was bleibt ist Rache. Und die tut verdammt gut. Es hat großen Spaß gemacht das alles zu schreiben.
 

Woher nimmst du deine Ideen?

Mein Kopf ist voll davon. Da sind so viele Geschichten, die ich aufschreiben möchte. Täglich kommen neue Ideen dazu, inspiriert von allem, um mich herum. Der offene Blick auf die Welt, Sehnsüchte, Phantasien. In mir braut sich ständig so einiges zusammen, und das ist wunderbar. Schreiben macht mich glücklich, ich muss es tun, kann gar nicht anders. Für mich ist es der schönste Beruf auf der Welt, den ich da habe.

Stichwort Lesungen. Segen oder Fluch?

Auch wenn die viele Reiserei sehr anstrengend sein kann, genieße ich es, nach einer langen Schreibphase nach außen zu gehen, Kontakt mit meinen LeserInnen zu haben. Meine Worte zum Klingen zu bringen, den Figuren Leben einzuhauchen, die Dialoge zu lesen. Und da ich auch einmal davon geträumt habe, Schauspieler zu werden, trifft sich das jetzt ganz gut. Ich kann diese geheime Leidenschaft auf den Lesebühnen dieser Welt wunderbar ausleben.

Hat dich der Erfolg verändert?

Ich bin derselbe wie vorher, lebe bescheiden mein Leben, genieße es. Was sich aber geändert hat, ist, dass ich in Ruhe schreiben kann. Ich hatte immer zwei Berufe, das Schreiben und die Fotografie. Zweiteres war notwendig, um zu überleben. Jetzt darf ich das tun, was ich immer am liebsten tun wollte. Morgens, Mittags, Abends. Schön.

Wo fühlst du dich zu Hause?

Dort wo meine Liebe ist, meine Frau, meine Kinder. Familie ist für mich Heimat. Basis für mein Glück. Ohne sie würde ich wie ein Luftballon davonfliegen und mit einem lauten Knall  irgendwo verschwinden.

Hast du Vorbilder?

Auf die Gefahr hin, dass ich ausgelacht werde, ich sage es trotzdem. Sylvester Stallone. Warum? Er hatte 1976 das Drehbuch für Rocky geschrieben und große Produktionsfirmen wollten es ihm abkaufen. Aber Stallone hat darauf bestanden, die Hauptrolle zu spielen. Sie boten ihm Unsummen, aber er hat Nein gesagt. Nicht ohne mich. Ich bin zwar nur Bodybuilder und war Darsteller in einem Softporno, aber ich will die Hauptrolle in meinem Film spielen. Dieser Mann hatte also einen Traum. Und egal, was er später für Mist gemacht hat, er glaubte an seinen Traum. Und er wurde belohnt dafür.
Zehn Oskar Nominierungen für Rocky 1977. Unter anderem auch für die beste Hauptrolle und das Drehbuch. Das gefiel mir sehr. Drei Oskars gab es letztendlich für den Film. Regie, Schnitt und bester Film. Stallone hat eine Weltkarriere gestartet.
Im Film wie in der Wirklichkeit, war es ein Underdog, der ganz nach oben kam. Dafür habe ich ihn bewundert, das hat mich immer angespornt. Das wollte ich auch...

Du hörst Musik beim Schreiben?

Immer. Ich setze mir Kopfhörer auf und tauche ab. Es ist dann völlig egal, wo ich sitze, ob da hunderte Menschen um mich herum schwirren. Ich höre Lieder, teilweise in Dauerschleife, dasselbe Lied fünfzig mal hintereinander. Der wunderbare Philipp Poisel und sein Projekt Seerosenteich haben mich durch dieses Buch begleitet, genauso wie Ludovico Einaudi, Musik zum Niederknien.

Du hast ein halbes Jahr lang ein Praktikum bei einem Bestattungsunternehmen gemacht. Recherche hautnah. Wie ging es Dir dabei?

Das war eine der demütigsten Erfahrungen in meinem Leben. Bereits während der Arbeit an meinen vorigen Romanen habe ich mich mit dem Tabuthema Tod auseinandergesetzt. Ich habe mit Totengräbern gesprochen, ich habe mich auf Friedhöfen herumgetrieben, war auf der Gerichtsmedizin, und irgendwann eben auch in einem Bestattungsunternehmen.

Weil Recherche extrem wichtig ist, habe ich bei einer Innsbrucker Bestatterin angefragt, ob sie mich ein wenig in die Welt der Toten einführen kann. Sie hat Ja gesagt, aber auch, dass ich mithelfen muss. Nur zuschauen geht nicht, sagte sie. Ich musste also Hand anlegen. Meine neue „Chefin“ Christine hat mich also unter ihre Fittiche genommen und mir gezeigt, wie man Verstorbene versorgt, die zur Verabschiedung am offenen Sarg vorbereitet werden. Wie man den Toten mit Respekt begegnet. Was bleibt, wenn man stirbt.
Jedes mal wenn ich nach einer Versorgung wieder hinaus in die Welt ging, dachte ich mir, wie großartig es ist, die Sonne auf meiner Haut zu spüren.

Was war das Schlimmste, das Du während Deines Praktikums erlebt hast?

Ich erzähle gerne, was am Schönsten war. Als ich zum zweiten Mal bei einer Versorgung dabei war, fand ich mich irgendwann mit einem Fön in der Hand am Kopfende des Versorgungstisches. Ich stand da und föhnte einer vierundachzigjährigen Frau die Haare. Ich hatte die schneeweißen Haare vorher gewaschen, Shampoo einmassiert und es wieder herausgespült. Ich fragte mich: „Was zur Hölle tust du da?“ Die Antwort kam umgehend. Ich war dort, weil ich genau das machen wollte. Lernen. Hinspüren. Und etwas geben. Verrückterweise fühlte es sich gut an.

Träumst du manchmal?

Immer wieder. Wenn viel los ist in meinem Leben, geht es auch in der Nacht rund.

Dein schlimmster Alptraum?

Einer, der seit zehn Jahren immer einmal wiederkommt. Eine Flut. Wasser, das steigt und steigt. Ein Meer, das übergeht und alles mit sich reißt. Todesangst. Ich verstehe es nicht. Warum das Wasser immer noch höher steigt. Ein Tsunami. Aber das weiß ich in diesem Traum noch nicht, in diesem Moment, in dem ich träume, glaube ich daran, dass die Welt untergeht. Sintflut. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, kein Entkommen, sterben. Bis das Wasser aufhört zu steigen. Ganz kurz bevor es mich mit sich reißt.

Immer überlebe ich in diesem Traum. Das ist das Gute daran. Ich wache auf und freue mich, dass mein Leben weitergeht. Dass ich, als ich 2004 in Thailand war, nicht gestorben bin. Dass nur ein Traum übrig geblieben ist, der ab und zu wiederkommt, um mich wieder zu erinnern. Dass es ein verdammtes Glück ist. Zu leben. Zu lieben. Bücher zu schreiben.